Stadttheater Giessen
    So witzig kann ein Hitchcock-Stoff sein:

    So witzig kann ein Hitchcock-Stoff sein Stadttheater Gießen:

    Auf der TiL-Studiobühne wird die Kriminalkomödie »Die 39 Stufen« von Patrick Barlow gezeigt

    Hitchcock am Silvesterabend? Gruseliges zum Jahresausklang? Geht das? Seit vorgestern Abend ist klar: Das geht! Das Stadttheater nahm den Stoff »Die 39 Stufen« auf den Spielplan der TiL-Studiobühne, und da es dies nicht in einer Gänsehaut-Fassung des großen Krimi-Regisseurs tut, sich auch nicht an der Buchvorlage des Schriftstellers John Buchan orientiert, sondern ein zweites Mal an einer Bühnenadaption von Patrick Barlow, kommt eine zum Brüllen komische Version heraus, was mit dem »Messias« ja schon einmal am selben Ort gezeigt werden konnte. Kompaktes und zugleich Witziges scheint im Trend zu liegen und beim Publikum anzukommen. Da wurden zum einen einmal Shakespeares gesammelte Werke auf einen spaßigen Abend komprimiert, im Löbershof war vor dem genannten »Messias« schon einmal Vergnügliches mit »Ben Hur« zu erleben. Nun also die lang beklatschten »39 Stufen«, wobei die Aufführung durchaus den ein oder anderen Zwischenapplaus verdient gehabt hätte. Die Regisseurin Meike Niemeyer ist mit dem Genre vertraut, hat sie doch bereits das biblische Geschehen hier umgesetzt. Jetzt geht sie wieder in die Vollen, setzt Clownerie, Varieté, Volksstück, sowie Travestie ein und vergisst auch nicht den cineastischen Vorgänger, indem sie mit geschickten filmischen Einsprengseln eine Atmosphäre à la »Als die Bilder laufen lernten« erzeugt. Dass man auch sagen könnte »zaubert«, liegt am Mittun von Ausstatter Thomas Döll, der mit wenigen, aber fantasievoll eingesetzten Mitteln die jeweiligen Spielorte – und es sind nicht wenige – charakterisiert. Das ist dann alles ungemein komisch und wird zur Inszenierungs-Parforcetour, die nicht zuletzt von der rasanten Verwandlung der Handlungsplätze lebt: da sind unter anderem die Jahrmarktsbudenstimmung mit dem Gedächtnis-Phänomen Mr. Memory, das schottische Bauernmilieu, eine schäbige Hotelrezeption bis hin zur Hochzeitsidylle, die freilich nicht ohne den entsprechenden Kino-Hinweis »The End« auskommen kann. All das würde so nicht funktionieren, wäre da nicht ein Darsteller-Quartett, das sich nach Kräften verausgabt. Zwei davon haben alle Chargenrollen zu stemmen, und glaubt man dem Informationsmaterial, dann sind insgesamt 139 Rollen an 40 Schauplätzen zu übernehmen, und Frank Watzke, ein irrsinnig guter, trefflicher, wandelbarer Komiker, sowie Milan Pešl, der seinem Witz etwas Unfreiwilliges mitgibt, der aber genau die Pointen zu setzen weiß, können sich wie das Bühnenbild blitzschnell verwandeln und sind präsent in den unterschiedlichen Figuren. Rainer Hustedt steht als Richard Hannay auf den Brettern und gibt ihn vorwiegend und souverän als britischen Gentleman, der mehr und mehr durch die Spionage-Geschehnisse in die Bredouille und damit in die Hetze von Verfolgungsjagden gerät. Kyra Lippler schließlich steht eine große Bandbreite zur Verfügung – von der mondänen Dame bis zur rustikalen Frau setzt sie sich mächtig ein, mimisch sehr präsent. Über das Stück wird natürlich nichts verraten – heitere Spannung muss sein. Gießener Allgemeine, Hans-Peter Gumtz, 09.11.2009